Anwalt: Hochhausbrand in Hongkong mit 168 Toten wäre "vermeidbar" gewesen
Die Brandkatastrophe in einem Hochhauskomplex in Hongkong mit 168 Toten wäre "vermeidbar" gewesen: Diese Einschätzung gaben Anwälte vor dem Ermittlungsausschuss ab, der am Freitag seine Arbeit beendete. Die Katastrophe war "vermeidbar, wurde aber nicht vermieden, und vorhersehbar, wurde aber nicht vorhergesehen", sagte der leitende Anwalt Victor Dawes bei der Anhörung.
Das Feuer im nördlichen Stadtteil Tai Po Ende November war weltweit der Brand mit den meisten Opfern in einem Wohnhaus seit 1980. Die Flammen wüteten mehr als 40 Stunden lang. Sie erfassten sieben der acht Hochhäuser der Wohnanlage, die wegen Renovierungsarbeiten mit Baugerüsten aus Bambus, Schutznetzen und Schaumstoffplatten umgeben waren.
In 30 Anhörungen seit März wurde vor dem von Richtern geleiteten Ausschuss festgestellt, dass fast alle Sicherheitsmaßnahmen an jenem Tag wegen menschlichen Versagens versagten.
Ehemalige Bewohner des Hochhauskomplexes Wang Fuk Court, die die Anhörung verfolgten, wischten sich Tränen aus den Augen, als Dawes die schnelle Ausbreitung des Feuers schilderte.
Die Indizien deuteten darauf hin, dass das Feuer durch eine weggeworfene Zigarette ausgelöst worden sei, sagte er. Brandmelder und Schläuche seien wegen der Bauarbeiten abgestellt gewesen, Fenster seien mit Schaumstoffplatten abgedeckt worden.
Die Bauunternehmer hätten "wissentlich ein massives Brandrisiko" geschaffen, indem sie für die Fassade keine feuersicheren Schutznetze verwendet hätten, führte der leitende Anwalt weiter aus. Zudem hätten die Bauunternehmen ihre Angestellten nicht vom Rauchen abgehalten, brennbaren Bauabfall nicht korrekt entsorgt und gleichzeitig den Hauptfluchtweg nicht freigehalten.
Ferner seien die Fenster in den Treppenhäusern herausgenommen worden, um den Bauarbeitern das Ein- und Aussteigen zu erleichtern, wodurch sich Rauch und Flammen schneller ausbreiten konnten.
Die Regierung müsse "eine gewisse Verantwortung" dafür übernehmen, dass das System versagt habe. "Eine Katastrophe dieses Ausmaßes hätte nicht passieren dürfen und darf nie wieder passieren", sagte Dawes. Es habe keinerlei Aufsicht gegeben.
Bewohner des Hochhauskomplexes hätten zwar Mängel gemeldet, teilten ihre Anwälte vor dem Ausschuss mit. Beschwerden seien aber von einer Verwaltungsbehörde an die nächste weitergeleitet worden, und bei Inspektionen seien die Angaben nicht bestätigt worden.
Der Regierungsberater Jenkin Suen räumte am Donnerstag "Schwächen" im System ein, sagte aber, es sei "schädlich und unfair", alle Schuld den öffentlichen Behörden zuzuschieben. "Die Hauptursachen bleiben der Betrug, Tatenlosigkeit und vorsätzliche Versäumnisse privater Akteure", hieß es im Schlussplädoyer der Regierung.
Am Ende der Anhörung brachen einige Bewohner in Tränen aus und nahmen sich gegenseitig in den Arm. Der 68-jährige Yip Ka-kui, dessen Frau und Sohn in den Flammen ums Leben kamen, wischte sich Tränen aus den Augen, als er die "kaltblütigen" Schlussworte" der Regierungsvertreter kritisierte.
"Angesichts einer so großen Katastrophe hat keine der beteiligten Regierungsabteilungen ihre Lektion gelernt. Sie kommen nicht einmal auf die Idee, dass sie daraus etwas lernen sollten", beklagte er.
In dem Hochhauskomplex hatten mehr als 4600 Menschen gelebt, unter ihnen viele ältere Bewohner. 114 der 168 Todesopfer waren 65 Jahre oder älter.
Sieben Menschen und zwei Unternehmen wurden angeklagt, unter anderem wegen Totschlags. 35 Menschen wurden festgenommen.
Der Untersuchungsausschuss muss der Regierung bis September seinen Bericht vorlegen.
ck/bfi
© Agence France-Presse
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